
Um Missverständnisse zu vermeiden: Empathie ist natürlich zuerst einmal eine hilfreiche Eigenschaft und zutiefst menschlich. Wir, Menschen, verfügen alle über Empathiefähigkeit – mit wenigen Ausnahmen, wie z.B. Psychopathen. Empathie hilft uns, die Emotionen anderer Menschen wie z.B. Angst, Wut, Traurigkeit oder auch Freude körperlich zu spüren. Wer hat sich nicht schon mal von der Freude eines Mitmenschen anstecken lassen oder den Gram oder die Wut seines Gegenübers gespürt?!
Und das ist gut so, denn diese Fähigkeit ermöglicht es uns, in Gruppen zusammen zu leben.
Wichtig ist es an der Stelle, klar zwischen Empathie und Mitgefühl zu unterscheiden. Während wir bei Empathie in Resonanz mit den Emotionen eines anderen Menschen gehen und diese Emotionen dann selber auch körperlich bei uns spüren, bleiben wir beim Mitgefühl in dem Gefühl und der Qualität der Fürsorge für den anderen Menschen, der gerade leidet. Wie erst seit wenigen Jahren bekannt ist, finden Empathie und Mitgefühl auch im Gehirn in anderen Regionen statt. Sind wir empathisch mit einem Menschen, der Schmerz empfindet, wird auch bei uns im Gehirn die Schmerzmatrix aktiviert. Sind wir dagegen im Mitgefühl, wird im Gehirn unser Care System und nicht die Schmerzmatrix aktiviert.
Auch wenn die Empathie eine wichtige menschliche Eigenschaft ist, birgt sie einige Gefahren und Unwägbarkeiten, derer man sich bewusst sein sollte!
Erstens: Solange uns bewusst ist, dass der Schmerz unseres Gegenübers nicht unser Schmerz ist, sind wir in der Empathie und wir können hilfreich für unser Gegenüber sein. Und sei es „nur“ durch empathisches Zuhören.
Doch es kann passieren, dass wir vom Schmerz unseres Gegenübers übermannt und mitgerissen werden und wir uns plötzlich in unseren eigenen Themen, Glaubenssätzen und Problemen wiederfinden. Und dann sind wir voll und ganz mit uns selber beschäftigt und können unsere*n Gesprächspartner*innen nicht mehr unterstützen.
Diesen Zustand nennt man empathischen Stress. Viele Menschen in helfenden Berufen, wie Pfleger*innen, Therapeut*innen oder Ärzt*innen, kennen diesen Zustand sehr gut. Und genauso natürlich auch Führungskräfte sowie generell jeder Mensch, der im Kontakt und Austausch mit anderen ist. Permanenter empathischer Stress kann zu Burn-out führen.
Um dem entgegenwirken zu können, ist es wichtig zu lernen, diesen Zustand bei sich zu erkennen. Darüber hinaus müssen Kompetenzen aufgebaut werden, sich besser gegenüber anderen abgrenzen zu können und mittels Wechsel von der Empathie ins Mitgefühl auch in herausfordernden Situationen mit seinem Gegenüber in Kontakt bleiben zu können. Um in Fällen starken empathischen Stresses erst einmal gut für sich sorgen zu können, ist es extrem hilfreich, die Fähigkeit zum Selbst-Mitgefühl zu beherrschen.
Kompetenz aufbauen ist so leicht gesagt, doch wie trainiert man Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl?!
Eine sehr wirksame Trainingsmöglichkeit bieten die von Prof. Dr. Tania Singer im ReSource- und CovSocial-Projekt der Max-Planck-Gesellschaft erforschten Dyaden. Dyaden bezeichnet eine Zweier-Gesprächssituation. In den von Tania Singer untersuchten täglichen Dyaden tauschen sich zwei Personen auf achtsame Art und Weise zu vorgegebenen Fragen aus. Achtsam bedeutet in dem Kontext, dass die Zuhörer*in ihre volle Aufmerksamkeit auf die Sprecher*in richtet, wenn ihre Aufmerksamkeit weg vom Zuhören zu Gedanken wechselt, ihre Aufmerksamkeit zurück zum Zuhören bring und lauscht, ohne die Sprecher*in zu unterbrechen. Eine andere Möglichkeit ist das Praktizieren der Loving-Kindness-Meditation, bei der die Meditierende sich und anderen Menschen und Lebewesen gute Wünsche sendet.
Downside Nr. 2: Empathie – heute nur für Stammgäste!
Oder anders gesagt: Empathie empfinden wir nur für die Menschen, die zu unserer Gruppe gehören. Zu unserer Familie, unserem Freundeskreis, unserem Sportverein, unserem Team oder unserer Abteilung. Mit den Menschen in unserer Gruppe oder Bubble sind wir intuitiv bereit empathisch zu sein. Mit deren Freude und Leid in Resonanz zu gehen und es auch bei uns zu spüren. Die Wissenschaftler sprechen hier von der In-Group.
Komplett anders verhält es sich mit Menschen, die nicht zu unserer In-Group sondern zur sogenannten Out-Group gehören. Hierzu hat die Neurowissenschaftlerin Tania Singer sehr faszinierende Forschungen mit Fußballfans gemacht. Diese empfanden in den Experimenten für Fans des gleichen Vereins Empathie, doch passierte einem Fan eines gegnerischen Clubs etwas negatives, dann empfanden sie keine Empathie und teilweise sogar Schadenfreude.
Damit ist eins sicher: Den Weltfrieden werden wir mittels unserer menschlichen Empathiefähigkeit nicht erringen und auch keine Unternehmenssilos überwinden. Dies gelingt nur mittels Training von Mitgefühl und Perspektivwechsel.

Downside No. 3: Auf die Plätze, Empathie und los!
Wenn ich einem Menschen gegenüber bezogen auf eine schwierige Situation oder Emotion empathisch bin, dann will ich ihm auch helfen, oder?
Ein naheliegender Gedanke. Doch so ist es nicht zwingend. Auf Wissenschaftsdeutsch heißt das: „Empathie ist nicht normativ“. Sprich nur weil ich die schwierige Emotionen eines anderen Menschen empathisch mitempfinde, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass bei mir der Wunsch aufkommt, ihr oder ihm helfen zu wollen.
Diese pro-soziale und auch altruistische Motivation entsteht eher beim Mitgefühl.
Fazit: Nachdem hier jetzt so viel die Rede von der Superpower des Mitgefühls und den Downsides der Empathie die Rede war, wird man sich jetzt vielleicht fragen, warum überhaupt mit der Empathie abgeben, geschweige denn sie trainieren?
Erstens: Wir als Menschen sind generell empathisch und in der Lage mit den Emotionen anderer Menschen in Resonanz zu gehen. Ob wir es wollen oder auch nicht. Daher gut sich mit der eigenen Empathie auseinander zu setzen. Alleine schon um zu vermeiden, dass ich unbemerkt und unkontrolliert in empathischen Stress gerate.
Zweitens: Empathie ist die Voraussetzung für Mitgefühl. Beim Mitgefühl gehen wir in eine fürsorgliche Haltung, in der wir der anderen Person nur das Beste wünschen. Dies in dem Wissen, dass es der anderen Person gerade nicht gut geht, dass sie leidet. Um überhaupt mitbekommen zu können, dass eine andere Person leidet, benötigen wir Empathie.
Also Empathie trainieren?! Definitiv!
Doch dann gilt es, das eigene Training auf Mitgefühl und Selbst-Mitgefühl auszuweiten.

Weiterführende Informationen zu Empathie und Mitgefühl
Singer T., Klimecki O. M., Empathy and Compassion, Current Biology, 2014 Sep 22;24(18), R875-R878
Vortrag von Prof. Dr. Tania Singer: Die Neurobiologie von Empathie und Mitgefühl.
Literaturquellen zu Ingroup-Outgroup-Effekten
Avenanti, A., Sirigu, A., and Aglioti, S. M. (2010). Racial bias reduces empathic sensorimotor resonance with other-race pain. Current Biology, 20, 1018–1022.
Johnson, J.D., Simmons, C.H., Jordan, A., McLean, L., Taddei, J., Thomas, D., et al. (2002). Rodney King and O.J. Revisited: The Impact of Race and Defendant Empathy Induction on Judicial Decisions. Journal of Applied Social Psychology, 32(6), 1208-1223.
Xu X, Zuo X, Wang X, Han S. (2009). Do you feel my pain? Racial group membership modulates empathic neural responses. Journal of Neuroscience, 29, 8525-8529.